Der in Deutschland eröffnete Untersuchungsprozess zu den Vorwürfen sexuellen Missbrauchs gegen Kardinal Franz Hengsbach (1910-1991), den ersten Bischof von Essen, hat mit der Veröffentlichung eines Zwischenberichts einen neuen Schritt gemacht. Dieser stuft drei Anzeigen wegen sexueller Gewalt an Minderjährigen als „gut begründet und plausibel“ ein.
Die Studie hinterfragt auch die Reaktion, die sowohl die Diözese Essen als auch das Erzbistum Paderborn über Jahre auf die ersten Informationen zu diesen Vorfällen gegeben haben.
Der Bericht wurde von drei unabhängigen Forschungsinstituten erstellt – dem Institut für Projektforschung und Beratung (IPP) in München, dem Dissens-Institut in Berlin und dem Forschungszentrum für Zeitgeschichte in Hamburg –, die 2024 mit der Aufklärung der bekannten Vorwürfe gegen eine der über Jahrzehnte einflussreichsten Persönlichkeiten des deutschen Episkopats beauftragt wurden.
Lesen Sie auch: Hatte Kardinal Hengsbach einen Sohn? Die Diözese Essen prüft eine neue Spur
Drei Anzeigen weisen einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit auf
Die Forscher haben zwölf Anzeigen wegen sexueller Gewalt an Minderjährigen untersucht, die Hengsbach zugeschrieben werden. Nach der Analyse der verfügbaren Dokumente und Zeugenaussagen kommen sie zu dem Schluss, dass drei davon ein hohes Maß an Konsistenz und historischer Kohärenz aufweisen.
Der erste Fall datiert auf die Mitte der 1950er-Jahre. Laut Bericht soll eine 16-jährige junge Frau wiederholt zu sexuellen Handlungen gezwungen worden sein, während Hengsbach als Priester des Erzbistums Paderborn tätig war.
Die zweite Anzeige bezieht sich auf die 1960er-Jahre und betrifft eine etwa dreizehnjährige Jugendliche, die ausgesagt hat, unter der Kleidung berührt worden zu sein.
Der dritte Fall geht auf die 1980er-Jahre zurück. Nach den Ermittlungen wurde eine dreizehnjährige junge Frau, die gerade die Firmung empfangen hatte, nach der Zeremonie in die Sakristei gerufen, wo der damalige Kardinal sexuelle Berührungen und unangemessene Kommentare vorgenommen haben soll.
Die Forscher sehen in diesen drei Fällen gemeinsame Elemente, darunter die Nutzung religiöser Feiern zur Isolierung der Opfer und der Einsatz der bischöflichen Autorität als Mittel der Dominanz.
Es werden auch Anzeigen in Bezug auf minderjährige Jungen untersucht
Der Bericht enthält zudem vier weitere Anzeigen im Zusammenhang mit minderjährigen Jungen. Obwohl die Forscher unterschiedliche Einschätzungen zum Grad der Stichhaltigkeit dieser Aussagen haben, empfehlen sie, alle weiterhin zu untersuchen.
Darüber hinaus weist die Studie wegen fehlender Beweise andere Vorwürfe zurück, die Hengsbach mit angeblichen Episoden extremer ritueller oder satanischer Gewalt in Verbindung bringen, weist jedoch darauf hin, dass jede neue Information mit Sorgfalt geprüft werden muss.
Die Untersuchung hinterfragt den Umgang mit den Anzeigen
Einer der relevantesten Aspekte des Berichts ist die Rekonstruktion, wie mit den ersten Anzeigen umgegangen wurde.
Den Forschern zufolge erhielt das Erzbistum Paderborn bereits 2011 die Aussage einer Frau, die berichtete, als Sechzehnjährige von Hengsbach missbraucht worden zu sein. Der Fall wurde dem Vatikan gemeldet, der keine Maßnahmen ergriff, und gelangte auch zur Kenntnis des damaligen Bischofs von Essen, Franz-Josef Overbeck.
Die Anzeigen wurden jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht umfassend untersucht. Overbeck selbst räumte 2023 Fehler im Umgang mit den Informationen ein und bat öffentlich um Entschuldigung.
Erst nach dem Auftreten einer neuen Anzeigenden im Jahr 2022 entschied sich die Diözese, den Fall wieder aufzugreifen und die Vorwürfe im September 2023 öffentlich zu machen.
Von einer Symbolfigur des Ruhrgebiets zu einer Missbrauchsermittlung
Franz Hengsbach wurde 1958 zum ersten Bischof der neu gegründeten Diözese Essen ernannt und leitete die Ortskirche drei Jahrzehnte lang. 1988 wurde er von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal erhoben und entwickelte sich zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Kirche, insbesondere durch seine Nähe zur Arbeiterschaft des Ruhrgebiets und seine intensive öffentliche Tätigkeit.
Gleichzeitig zeichnete er sich durch feste doktrinäre Positionen in Fragen wie dem priesterlichen Zölibat oder der Verteidigung der katholischen Lehre gegenüber bestimmten theologischen Strömungen aus, die in den 1970er- und 1980er-Jahren in Deutschland entstanden.
Die Veröffentlichung der ersten Vorwürfe im Jahr 2023 führte zu einer radikalen Wende in der öffentlichen Wahrnehmung seiner Person. Noch im selben Jahr wurde die dem Kardinal vor dem Essener Dom gewidmete Statue entfernt, und verschiedene Institutionen begannen, die ihm zu Ehren verliehenen Auszeichnungen und Anerkennungen zu überprüfen.
Der nun vorgelegte Bericht stellt eine Zwischenphase einer umfassenderen Untersuchung dar, die sowohl die Missbrauchsvorwürfe als auch das mögliche Wissen Hengsbachs über andere Fälle während seiner Amtszeit als Bischof von Essen weiter analysieren wird. Mit diesem neuen Schritt vertieft die deutsche Kirche die Aufklärung eines der sensibelsten Fälle, die eine der historischen Figuren ihres Episkopats betreffen.