Zehn Jahre nach der Legalisierung der sogenannten Medizinischen Sterbehilfe (MAID) ist die Euthanasie zu einer der häufigsten Todesursachen in Kanada geworden. Mehr als 100.000 Menschen sind seit Inkrafttreten des Verfahrens im Jahr 2016 auf diese Weise gestorben, und das Land verzeichnet derzeit weltweit die höchste Zahl von Sterbefällen durch Euthanasie.
Laut offiziellen Daten der kanadischen Regierung starben im Jahr 2024 16.499 Menschen durch MAID – die bislang höchste jährliche Zahl. Obwohl die Behörden davon ausgehen, dass das Wachstum sich allmählich stabilisiert, steigt die Zahl der Todesfälle weiterhin von Jahr zu Jahr an.
Diese Entwicklung geht einher mit einer intensiven Debatte über die Ausweitung der Zugangskriterien zum Programm und über die Schutzmechanismen zum Wohl besonders vulnerabler Patienten.
Von einer rechtlichen Ausnahme zu einer der häufigsten Todesursachen
Die Legalisierung der Euthanasie in Kanada geht auf ein Urteil des Obersten Gerichtshofs vom Februar 2015 zurück, das das bis dahin geltende Verbot für verfassungswidrig erklärte. Nach einer Übergangsfrist trat das Programm am 16. Juni 2016 vollständig in Kraft.
Seitdem ist die Zahl der Fälle stetig gestiegen. Zwischen 2019 und 2022 nahm die Zahl der Sterbefälle durch Euthanasie jährlich um mehr als 30 % zu – eine Entwicklung, die Kanada zum Land mit den weltweit meisten registrierten Euthanasietodesfällen machte.
Im April dieses Jahres wurde offiziell die Marke von 100.000 seit Inkrafttreten des Gesetzes durchgeführten Verfahren erreicht – eine Zahl, die die Debatte über den Umfang des Programms ein Jahrzehnt nach seiner Verabschiedung erneut entfacht hat.
Regierungsberichte weisen darauf hin, dass die meisten verstorbenen Patienten an einer schweren Erkrankung litten, bei der ein Tod als „vernünftigerweise vorhersehbar“ galt. Etwa 4,5 % der Personen, die 2024 Zugang zu MAID erhielten, erfüllten dieses Kriterium jedoch nicht.
Zweifel an Kontrollen und Schutzvorkehrungen
Mit der steigenden Fallzahl wachsen auch die Fragen zur Fähigkeit des Systems, die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben sicherzustellen.
Ein 2024 veröffentlichter Bericht zeigte, dass die Aufsichtsbehörden in Ontario seit 2018 mehr als 400 Verstöße im Zusammenhang mit der Anwendung der Euthanasie-Vorschriften festgestellt haben. Zu den festgestellten Unregelmäßigkeiten zählten Fehler bei der Prüfung der Patienteneignung sowie Mängel bei der Pflicht zur Meldung.
Laut demselben Bericht führten keine dieser Verstöße zu gerichtlichen Verfahren.
Die Bedenken hinsichtlich der Funktionsweise des Systems haben inzwischen auch Organisationen erreicht, die ursprünglich die Legalisierung der Euthanasie unterstützt hatten. Die Bürgerrechtsvereinigung von British Columbia, die an den Klagen beteiligt war, die zur Einführung von MAID führten, forderte im vergangenen Jahr neue Schutzvorkehrungen zur besseren Absicherung der Patienten.
Die umstrittene Ausweitung auf psychische Erkrankungen
Einer der umstrittensten Aspekte des kanadischen Modells ist die Möglichkeit, den Zugang zur Euthanasie auf Personen auszudehnen, deren einzige medizinische Voraussetzung eine psychische Erkrankung ist.
Obwohl das Inkrafttreten dieser Maßnahme bis 2027 verschoben wurde, bleibt die Frage ein zentrales Thema der öffentlichen Debatte.
Der Vorschlag hat bei medizinischen Organisationen, Behindertenverbänden und internationalen Gremien Besorgnis ausgelöst. Im Jahr 2025 forderte der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen Kanada offiziell auf, die geplante Ausweitung auf Patienten mit psychischen Störungen als alleiniger Zugangsvoraussetzung auszusetzen.
Verschiedene Berichte haben zudem darauf hingewiesen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen bereits in signifikantem Umfang unter den Antragstellern vertreten sind.
Alberta treibt neue Einschränkungen voran
Angesichts der auf Bundesebene beobachteten expansiven Tendenz prüft die Provinz Alberta derzeit Maßnahmen zur Stärkung bestehender Garantien.
Zu den Vorschlägen gehören der ausdrückliche Schutz des Rechts auf Gewissensfreiheit von Ärzten und medizinischem Fachpersonal sowie das Verbot, dass medizinisches Personal von sich aus die Euthanasie als Behandlungsoption vorschlägt.
Die Maßnahmen sehen auch spezifische Mechanismen zum besseren Schutz Minderjähriger und von Personen mit psychischen Störungen vor.
Ein weltweit beobachtetes Modell
In den vergangenen Monaten stießen mehrere Gesetzesvorhaben in verschiedenen westlichen Parlamenten auf Widerstand. Organisationen beider Seiten des Streits verweisen häufig auf den kanadischen Fall als Beispiel für die möglichen Folgen der Einführung solcher Politiken.
Zehn Jahre nach der Legalisierung hat sich Kanada zum weltweiten Versuchslabor für Euthanasie entwickelt. Während die Zahl der Todesfälle weiter steigt und Vorschläge zur Ausweitung der Zugangsvoraussetzungen bestehen bleiben, wachsen auch die Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen dieser Politiken auf besonders vulnerable Menschen und der Grenzen, die zum Schutz des menschlichen Lebens am Lebensende gesetzt werden müssen.
Quelle: EWTN News