Jetzt geht es nur noch um Nähe, nicht um Wahrheit!
Während die vorausgegangene Pastoral vor Amoris Laetitia im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen vor allem auf Objektivität abzielte, also auf die Einheit von Wahrheit und Liebe, operiert die synodale Kirche mit einem überwiegend gefühlsbetonten Vokabular, das wenig dazu beiträgt, die Situation dieser Menschen objektiv nach Maßstäben der Sakramententheologie und des kanonischen Rechts zu klären. Ausschließlich Nähe, Begleitung und Wertschätzung – ein inflationär gebrauchtes Wort – werden vonseiten der Kirchenvertreter betont, nicht jedoch ihr Auftrag, diese Paare in der Wahrheit zu führen.
Frage: Was soll ich am Sünder wirklich wertschätzen, etwa am Bankräuber, am Ehebrecher, am Dieb oder am Gewalttäter? Ich kann den Sünder lieben – ihm das Gute wünschen, also seine Rettung –, ja, und zugleich sein Sünde kompromisslos verurteilen. Doch wie passt in diesen Zusammenhang die „Wertschätzung“? Soll ich von einem Richter, der ein Verbrechen beurteilen muss, verlangen, den Täter zu wertschätzen? Wäre das nicht reiner Sentimentalismus, der für seine Aufgabe wenig nützt? Der Vergleich hinkt, zeigt aber, dass diese Kategorie der Wertschätzung in bestimmten Kontexten einfach nicht vorrangig ist. Denn darum – um Wertschätzung – geht es nicht, wenn die Frage lautet, ob eine gültige Ehe besteht oder nicht.
In einer Leitlinie1 der synodalen Kirche heißt es, dass geschiedene und wiederverheiratete Paare ihr Vertrauen zurückgewinnen, sich als Teil der Gemeinschaft erkennen und die Barmherzigkeit Gottes erfahren sollen. Frage: Ist es dafür irrelevant, ob sie in Ehebruch leben oder nicht? Ihnen die Barmherzigkeit Gottes zu vermitteln bedeutet dann, ihre zweite Verbindung bedingungslos anzuerkennen oder zumindest zu dulden, obwohl ein unauflösliches Eheband ihr entgegensteht? Warum ist Jesus uns dann nicht mit dieser Praxis vorausgegangen? Im Gegenteil: Er verwirft die angeblich barmherzige Scheidungspraxis des Mose und verschärft das Scheidungsverbot – zum Missfallen seiner Jünger! Ist es retraumatisierend, diese Paare daran zu erinnern, weil die Betroffenen sich durch die Erinnerung an die Wahrheit erneut verletzt und ausgeschlossen fühlen könnten, nachdem sie bereits Verlassenheit und Leid durch die Trennung vom rechtmäßigen Ehepartner erfahren haben (vgl. die genannte Leitlinie)?
Je gefühlsbetonter die Sprache wird, desto größer ist der Verdacht, dass man mit dem leichten Aufweichen unverrückbarer Lehrpositionen durch den Appell an die leichte Träne liebäugelt. Das ist nichts Neues. Das Wort „Barmherzigkeit“ wurde schon oft als Sand in die Augen des Betrachters oder Lesers gestreut. Worte wirken unmittelbar. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, was die Semantik verbirgt. Die Härte der Wahrheit wird in der synodalen Kirche nicht mehr ertragen und nicht mehr angegangen, obwohl sie es ist, die frei macht (Joh 8,32). Der Sentimentalismus weist sie zurück und kriminalisiert sie. Familiaris Consortio ist deshalb das Gestern – zu hart. Amoris Laetitia ist das Heute – barmherzig.
Das Lehramt der synodalen Kirche beginnt mit Franziskus, mit der neuen Stunde Null. Die Zeit (der Prozess) ist wichtiger als der Raum (die Lehrpositionen). Deshalb wird in den Prozess (die Revision der Lehre), in das Gefühl, in das Leben investiert, nicht in die Wahrheit, die jedoch bleibt. Letztere ist wie ein Schwert, das die synodale Kirche lieber in Watte wickelt und aufbewahrt, bis der kommt, der es im Mund trägt (Offb 1,16; 2,12; 2,16; 19,15; 19,21).
Veröffentlicht auf Marian-Eleganti.ch
1 Zitiert nach: Roberto de Mattei, „Die höchste Bestimmung des Menschen“ (Artikel): https://katholisches.info/die-hoechste-bestimmung-des-menschen/. Thematische Leitlinie zur Vorbereitung der Begegnung von Papst Leo XIV. mit den Vertretern der katholischen Ostkirchen im Vatikan vom 7. bis 14. Oktober 2026, mit dem Titel: „In den Schwierigkeiten des Lebens: begleiten und stützen. Mit Familien in schwierigen Situationen gehen“.
Offenbarung 1,16 — In der ersten Vision Christi:
„Aus seinem Mund ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert hervor“.
Offenbarung 2,12 — In der Botschaft an die Gemeinde in Pergamon:
„Dies sagt der, der das scharfe, zweischneidige Schwert hat“.
Offenbarung 2,16 — Christus kündigt an:
„Wenn nicht, komme ich bald zu dir und werde gegen sie kämpfen mit dem Schwert meines Mundes“.
Offenbarung 19,15 — Christus als eschatologischer Reiter:
„Aus seinem Mund ging ein scharfes Schwert hervor; damit wird er die Völker schlagen“.
Offenbarung 19,21 — Ende der Kampfszenen:
„Die Übrigen wurden getötet mit dem Schwert, das aus dem Mund des Reiters hervorging“.