Maria, Garten des Geliebten und versiegelter Quell des Geistes
„Mein Geliebter, die Berge,
die einsamen, waldreichen Täler,
die fremden Inseln,
die rauschenden Flüsse,
das Flüstern der liebesvollen Winde.“
(Johannes vom Kreuz, Geistlicher Gesang, Strophe 14)
Allerheiligste Jungfrau vom Berge Karmel, verschlossener Garten, in dem der ewige Frühling der Erlösung erblühte; versiegelter Quell, aus dem für die Welt das lebendige Wasser hervorsprudelte, das Jesus Christus ist; vom Vater auserwählter Garten, um den Baum des Lebens zu pflanzen, dessen Schatten alle Generationen erreicht: mache meine Seele, die so oft trocken und ungeordnet ist, zu einem kleinen Garten, in dem der Geliebte seine Freuden findet und der Heilige Geist den Tau seiner Gaben ausgießen kann.
Du kennst die Sprache des Bräutigams besser als irgendein Geschöpf. Bevor seine Stimme auf den Wegen Galiläas erklang, hast du sie schon im Schweigen von Nazareth vernommen; bevor seine Hände die Armen segneten, hast du ihn schon an deine Brust gedrückt; bevor er sein Leben am Kreuz hingab, hast du dein Herz schon demselben erlösenden Opfer dargebracht. Lehre mich, seinen Schritt zu erkennen, wenn er meine Seele mit der Sanftheit des Windes besucht, der kaum die Blätter bewegt; wenn er sich verborgen unter der Demut der Eucharistie nähert; wenn er diskret aus der Armut eines Bruders oder aus dem Schweigen des Gebets ruft.
Mutter des Karmel, bewirke, dass ich mich nicht damit begnüge, Christus von außen zu kennen, sondern dass ich in ihm lebe und er in mir. Dass mein Verstand von seiner Wahrheit erleuchtet, mein Gedächtnis von seinen Wohltaten gereinigt und mein Wille vom Feuer seiner Liebe entflammt werde. Dass alles, was ich bin, allmählich durch das verborgene Wirken des Heiligen Geistes verwandelt wird, bis der alte Mensch in mir verschwindet und das Bild des geliebten Sohnes des Vaters erstrahlt.
Du hast dem kleinen Heiligen von Fontiveros gelehrt, dass der Geliebte sich nicht von einer lauen oder zerstreuten Seele finden lässt, sondern von jener, die aus sich selbst herausgeht, die Ketten ihrer Begierden sprengt und sich vom Glauben zu den Höhen des Berges führen lässt. Erwirke mir diese heilige Loslösung. Dass ich nichts für mich behalte, wenn mir alles gegeben wurde, um es Gott darzubringen. Dass kein Geschöpf den Platz einnimmt, der allein dem Schöpfer zusteht. Dass mein Herz so frei bleibt, dass es, wie die Braut des Hohenliedes, dem Duft deines Sohnes nachlaufen kann, bis es sich freudig in seiner Umarmung verliert.
Und wenn der Geliebte sich zu verbergen scheint, um mein Verlangen zu mehren, bewirke, dass ich nicht verzage. Dass ich ihn suche in der Heiligen Schrift, wo der Vater weiterhin sein Wort spricht; in der heiligen Messe, wo das Opfer von Golgota gegenwärtig wird; in der Beichte, wo er meine Sünden vergibt; in der stillen Anbetung, wo der Heilige Geist ohne Worte spricht; im Kreuz des Alltags, wo die Liebe ihr höchstes Maß erreicht; und in deinem mütterlichen Herzen, wo alle Gnaden einen sicheren Weg zu den Kindern finden, die auf dich vertrauen.
Dann werde ich verstehen, dass der wahre Karmel kein Berg der Erde ist, sondern eine ständige Aufstieg zur Intimität der Allerheiligsten Dreifaltigkeit; dass das Skapulier bedeutet, sich mit Christus zu bekleiden; dass die Flamme der Heilige Geist ist, der allen Egoismus verzehrt; und dass die Schönheit darin besteht, so mit dem Geliebten vereint zu sein, dass der Vater, wenn er die Seele betrachtet, in ihr die Züge seines eigenen Sohnes entdeckt.
Allerheiligste Jungfrau vom Berge Karmel, führe mich zu jener verborgenen Quelle, die ewig im Herzen Gottes entspringt und fließt. Führe mich in die innere Kelter ein, wo der Bräutigam den einfachen Seelen seine Geheimnisse mitteilt. Und wenn die Pilgerschaft dieser Welt endet, bewirke, dass ich, für immer mit Jesus Christus durch das Feuer des Heiligen Geistes verbunden, mit allen Heiligen die Barmherzigkeiten des Vaters singen kann, dessen Herrlichkeit niemals untergeht.
Unsere Liebe Frau vom Berge Karmel, Garten des Geliebten, lass in mir das Leben Christi erblühen, bis ich zum Lobpreis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit werde. Amen.
Von: Msgr. Alberto José González Chaves