María, Jungfrau des Schweigens, in dem der Vater ewiglich sein Wort ausspricht
Ein Wort sprach der Vater, das war sein Sohn, und dieses spricht immerfort in ewigem Schweigen, und in Schweigen muss es von der Seele vernommen werden (Sprüche vom Licht und der Liebe, 100)
Heiligste Jungfrau vom Karmel, Jungfrau des großen Schweigens, beredter als alle Worte der Erde; heitere Morgenröte, in der der Vater begann, uns das seit Ewigkeiten verborgene Geheimnis zu offenbaren; lebendiges Tabernakel, in dem das Wort durch das Wirken des Heiligen Geistes unser sterbliches Fleisch annahm; verschlossener Garten, versiegelter Quell, lieblicher Hain, in dem der Geliebte seine Freuden unter den Menschenkindern fand: nehmt mich heute unter euren Mantel auf und lehrt mich, mit euch in jene innere Region einzutreten, wo alles schweigt, weil Gott allein genügt, wo das Herz lernt, zu hören, bevor es spricht, zu lieben, bevor es versteht, und anzubeten, bevor es fragt.
Ihr habt alle Worte eures Sohnes bewahrt und sie in eurem Herzen betrachtet. Ihr habt sie nicht wie ein bloßes Andenken festgehalten, sondern den Heiligen Geist sie in Leben verwandeln lassen. Erwirkt mir dieselbe Gnade, damit das Evangelium nicht nur auf meinen Lippen widerhalle, sondern bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele hinabsteige, dorthin, wo der Vater fortfährt, ewiglich sein Wort auszusprechen, und wo die ungeschaffene Liebe aus jedem Getauften eine Wohnung der Heiligsten Dreifaltigkeit machen möchte.
Wie viel Lärm trage ich noch in mir! Wie viele Pfeiftöne, die nicht die des Guten Hirten sind! Wie viele Begierden, die das Herz zerstreuen und es hindern, den Spuren des Geliebten nachzulaufen! Ihr, Herrin des Karmel, führt mich in die tönende Einsamkeit, in der Bruder Johannes vom Kreuz lernte, dass Schweigen nicht Abwesenheit, sondern Gegenwart ist; nicht Unfruchtbarkeit, sondern Fruchtbarkeit; nicht leere Finsternis, sondern eine Nacht voller Sterne, weil in der Dunkelheit das verborgene Licht des Glaubens leuchtet. Lehrt mich, diese gesegnete Nacht zu lieben, in der Gott die trügerischen Lichter der Sinne löscht, um in der Mitte der Seele die lebendige Flamme seines Geistes zu entzünden.
Lasst mich nicht die Tröstungen mehr suchen als den Tröster; nicht die Gaben mehr als den Geber; nicht die geistlichen Süßigkeiten mehr als den Bräutigam, der sie schenkt. Wenn der Geliebte einmal sein Angesicht zu verbergen scheint, bewirkt, dass ich nicht aufhöre, ihn zu suchen; wenn er schweigt, lehrt mich zu warten; wenn er mein Herz mit dem Pfeil seiner Abwesenheit verwundet, bewirkt, dass diese Wunde mein Verlangen nach ihm weitet. Denn ich weiß, dass die Liebe nicht an dem gemessen wird, was sie fühlt, sondern an dem, was bleibt; nicht an der Fülle der Lichter, sondern an der Treue, mit der die Seele weitergeht, wenn alles von der Nacht bedeckt scheint.
Allersüßeste Mutter, macht aus meinem Herzen eine kleine Zelle des Karmel, wo die Sammlung zum Atem, das Gebet zur Ruhe, das Wort zur Nahrung und die Anbetung zur süßesten Beschäftigung eines jeden Tages wird. Lasst mich lernen, verborgen mit Christus in Gott zu leben; lass die Welt abnehmen, damit in mir das Reich wachse; lass meine Werke weniger von mir und mehr von Jesus Christus sprechen; lass meine Armut Raum für den Reichtum des Vaters schaffen; lass meine Schwäche zum Ort werden, an dem der Heilige Geist die Kraft seiner Gnade offenbart.
Und wenn jene Stunde kommt, in der meine Seele die endgültige Nacht durchschreiten muss, um in das Licht einzutreten, das keinen Untergang kennt, so bleibet an meiner Seite, wie ihr bei dem Kreuz eures Sohnes geblieben seid. Dann, wenn alle Stimmen der Erde verstummen, lasst mich das einzige Wort hören, das nicht vergeht; wenn alle Schatten verschwinden, führt mich zur lebendigen Quelle, die ewig im Herzen Gottes entspringt; wenn die Verbannung endet, führt mich in die innere Weinkeller des Reiches ein, damit ich, durch die Wirkung des Heiligen Geistes in den Geliebten verwandelt, ohne Schleier das Antlitz Jesu Christi schauen und mit ihm und in ihm den Vater loben kann, der alles in allen sein wird.
Unsere Liebe Frau vom Karmel, lehrt mich das heilige Schweigen, in dem der Vater ewiglich sein Wort ausspricht und der Heilige Geist die Seele in Christus verwandelt. Amen.
Von: Mons. Alberto José González Chaves