Eine in Italien laufende Ermittlung gegen ein mutmaßliches Spionagenetzwerk im Dienst des russischen Militärgeheimdienstes hat ein Element aufgenommen, das die Heilige Stuhl direkt betrifft. Unter den von den Ermittlern abgehöhrten Gesprächen befindet sich eines, in dem einer der verhafteten ehemaligen italienischen Agenten behauptet, vor Jahren den Auftrag erhalten zu haben, „mit dem Vatikan“ zu agieren – eine Formulierung, deren genaue Bedeutung bislang ungeklärt bleibt.
Der Fall wurde durch die Festnahme zweier ehemaliger Angehöriger des italienischen Geheimdienstes in Rom, Gavino Raoul Piras und Vincenzo Di Pasquale, bekannt. Sie werden beschuldigt, über Jahre hinweg klassifizierte Informationen an den GRU, den russischen Militärgeheimdienst, weitergegeben zu haben. Die gemeinsam von der ordentlichen Staatsanwaltschaft und der Militärstaatsanwaltschaft Rom geführte Ermittlung geht davon aus, dass beide gegen Barzahlungen vertrauliche Unterlagen zur italienischen und NATO-Verteidigung geliefert haben sollen.
Ein von den Ermittlern aufgezeichnetes Treffen
Laut der von Corriere della Sera veröffentlichten Dokumentation wurde eines der zentralen Gespräche am 9. Oktober 2025 während eines Treffens zwischen Piras und dem mutmaßlichen russischen Agenten Mikhail Astakhov in Bracciano aufgezeichnet.
Bei diesem Treffen äußerte der ehemalige italienische Agent Unzufriedenheit über die erhaltene Vergütung und erinnerte an einen früheren Auftrag, der ihm seinen Angaben zufolge schriftlich von seinen russischen Gesprächspartnern erteilt worden war.
In dem Gespräch erklärte Piras, dass er, als „Sie zusammen mit dem General“ ihm den Befehl erteilten, „mit dem Vatikan“ voranzugehen, diese Anweisung ausgeführt und sogar „einen Beitrag an Papst Franziskus“ geleistet habe.
Eine Mission, deren Inhalt weiterhin unbekannt ist
Die Ermittlung lässt nicht erkennen, was genau mit der Erwähnung des Vatikans gemeint war und welches konkrete Ziel die mutmaßliche Mission verfolgte.
Die bisher bekannt gewordenen Gerichtsdokumente klären nicht, ob es um die Beschaffung von Informationen über die diplomatische Tätigkeit des Heiligen Stuhls, um den Aufbau von Kontakten in kurialen Kreisen, um die Überwachung bestimmter Personen oder um andere mit dem Vatikan zusammenhängende Aktivitäten ging.
Ebenso wenig wurde präzisiert, an wen die vom Beschuldigten erwähnte „Beitrag“ gegangen sein soll und welchen Zweck sie verfolgte.
Die von der Ermittlung aufgeworfenen Hypothesen
Angesichts des Fehlens von Details in den Gerichtsakten weist das Portal Silere non possum darauf hin, dass die Formulierung „mit dem Vatikan“ verschiedene Deutungen zulässt, betont jedoch, dass keine davon mit den vorliegenden Informationen als erwiesen gelten kann.
Unter den möglichen Hypothesen nennt das Portal die Beschaffung von Informationen über die Diplomatie des Heiligen Stuhls, den Versuch, über Spenden und persönliche Beziehungen Zugang zu bestimmten kurialen Kreisen zu erlangen, die Überwachung als interessant eingestufter Personen oder die Sammlung von Informationen über kirchliche Verantwortungsträger und andere mit dem Vatikan verbundene Gesprächspartner.
Das Medium hebt hervor, dass derzeit keine öffentlichen Informationen vorliegen, die eine dieser Möglichkeiten als tatsächlich von dem Beschuldigten ausgeübte Tätigkeit bestätigen könnten.
Ebenso wenig steht fest, dass der Heilige Stuhl von diesen mutmaßlichen Handlungen Kenntnis hatte oder dass vatikanische Stellen daran mitgewirkt hätten.
Eine klassische Spionagemethode
Die Ermittlung beschreibt ein Informationsaustauschsystem, das auf diskreten Treffen an verschiedenen Orten in Latium, der Verwendung von in Verstecken versteckten Micro-SD-Karten, handschriftlichen Notizen und Barzahlungen beruht.
Den Ermittlern zufolge soll Piras über Jahre hinweg klassifizierte Informationen über Verteidigungsprogramme, Waffensysteme, militärische Pläne und andere vertrauliche Dokumente sowie Daten über Angehörige der italienischen Geheimdienste weitergegeben haben.
Bei den Durchsuchungen der Wohnungen der Beschuldigten wurden etwa 20.000 Euro in bar sichergestellt.
Die Ermittlungen dauern an
Bisher haben die italienischen Behörden dem Vatikan keine Verantwortung zugeschrieben und auch nicht angegeben, dass der Heilige Stuhl von den untersuchten Aktivitäten Kenntnis hatte.
Die Erwähnung des Vatikans erscheint lediglich in einem abgehöhrten Gespräch zwischen zwei der Beschuldigten und ist Teil des Materials, das von den mit dem Fall befassten Richtern weiter analysiert wird. Die Ermittlungen sind noch offen, und bislang wurden keine neuen Erkenntnisse veröffentlicht, die Aufschluss über den tatsächlichen Umfang der vom ehemaligen italienischen Agenten erwähnten mutmaßlichen Mission geben könnten.