Die Associazione Guide e Scouts Cattolici Italiani (Agesci), die größte katholische Pfadfinderorganisation des Landes, hat eine historische Änderung ihrer internen Vorschriften beschlossen: Die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität dürfen künftig nicht mehr als Ausschlusskriterien für Personen gelten, die sich um erzieherische Aufgaben innerhalb der Organisation bewerben.
Wie La Repubblica berichtet, bedeutet diese Entscheidung einen Bruch mit einer über fünfzig Jahre lang praktizierten Vorgehensweise. Zwar konnten homosexuelle Personen Mitglied der Agesci sein, doch der Zugang zu verantwortlichen Erzieherstellen war jahrzehntelang von Einschränkungen, Kontroversen und internen Konflikten geprägt, die mit der Vereinbarkeit bestimmter Verhaltensweisen oder persönlicher Situationen mit dem Bildungsauftrag einer als katholisch definierten Organisation zusammenhingen.
Ein Wandel, der ein halbes Jahrhundert der Einschränkungen beendet
Die neue Ausrichtung wurde in einem Dokument festgehalten, das der Generalrat der Agesci nach drei Jahren interner Konsultationen und Debatten verabschiedet hat. Der Text legt fest, dass sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität im Auswahlverfahren, mit dem die Pfadfindergemeinschaften ihre Erzieherinnen und Erzieher bestimmen, nicht als ausschließende Faktoren gelten dürfen.
Die Verantwortlichen der Organisation selbst erkennen die Tragweite der Entscheidung an. „Wir haben lange gebraucht, aber wir konnten nicht länger so tun, als gäbe es das Problem nicht“, erklärten sie bei der Vorstellung des Dokuments.
Vom empfohlenen Schweigen zur vollen Akzeptanz
Die Entscheidung steht im Gegensatz zu manchen früheren Positionen der Organisation. 2012 lösten interne Richtlinien Kontroversen aus, weil sie besagten, homosexuelle Gruppenleiter sollten ihre sexuelle Orientierung nicht öffentlich machen, um Jugendliche nicht zu beeinflussen oder zu konditionieren.
Jahrelang berichteten verschiedene Mitglieder von Ausgrenzung, Ausschlüssen oder Schwierigkeiten, innerhalb der Bildungsstruktur der Organisation Verantwortung zu übernehmen. Die heutigen Verantwortlichen sehen die damaligen Entscheidungen als Reaktion auf den kulturellen und kirchlichen Kontext der damaligen Zeit, während sie heute eine andere Sichtweise der Frage vertreten.
Schulung zu Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung
Das verabschiedete Dokument beschränkt sich nicht auf die Änderung der Zugangskriterien zu Erzieherstellen. Es empfiehlt außerdem, dass die Pfadfinder-Verantwortlichen eine spezifische Fortbildung zu Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung erhalten sowie eine respektvolle, stereotypefreie Sprache verwenden.
Die Organisation betont, dass diese Maßnahmen die Aufnahme aller Menschen in den Pfadfindergruppen stärken und Bildungsumgebungen schaffen sollen, die den neuen gesellschaftlichen Sensibilitäten entsprechen.
Eine offene Debatte über die katholische Bildungsmission
Jahrzehntelang ging die Agesci davon aus, dass bestimmte persönliche Umstände die Eignung von Personen mit erzieherischen Verantwortungen beeinflussen könnten. Nun vertritt sie die Auffassung, dass sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität bei dieser Prüfung keine Rolle spielen dürfen.
Der Wandel markiert eine der bedeutendsten Wendungen in der Geschichte der größten italienischen katholischen Pfadfinderorganisation und wird voraussichtlich die Debatte darüber weiter anheizen, wie katholische Institutionen mit Fragen der christlichen Anthropologie, der Jugendbildung und dem wachsenden Einfluss von Geschlechtsidentitätskategorien im kirchlichen Bereich umgehen sollen.