Schlüssel zur Analyse der Situation in Venezuela, ohne in simplistischen Pazifismus zu verfallen

Schlüssel zur Analyse der Situation in Venezuela, ohne in simplistischen Pazifismus zu verfallen

Am 3. Januar in den frühen Morgenstunden führten US-Streitkräfte eine Blitzoperation auf venezolanischem Territorium durch, die mit der Entführung des Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau Cilia Flores endete, ohne nennenswerte Kämpfe oder bekannte Verluste. Dieses Ereignis von enormer politischer und historischer Bedeutung erfordert eine Analyse, die sich nicht auf oberflächliche moralische Kategorien oder automatische ideologische Reflexe beschränken darf.

Unter den Katholiken besteht heute ein reales Risiko für desorientierte Analysen, die von einem simplistischen Pazifismus geprägt sind, der einer NGO-Ethik näherkommt als der politischen und moralischen Tradition der Kirche. Die katholische Lehre hat nie behauptet, dass der Frieden ein absoluter Wert sei, der von der Gerechtigkeit losgelöst ist, noch dass jede Form von Gewalt intrinsisch illegitim sei. Im Gegenteil hat sie über Jahrhunderte ein ausgeklügeltes Denken über Souveränität, gerechten Krieg, Tyrannei, Widerstand und die Grenzen der Intervention entwickelt. Dieser Text will kein Urteil fällen, sondern die Variablen ordnen, die für eine rigorose Formulierung berücksichtigt werden müssen.

Die Souveränität der Nationen in der katholischen Tradition

Die nationale Souveränität ist ein zentrales Prinzip des christlichen politischen Denkens. Von Augustinus, der die politische Legitimität mit der Ordnung der Gerechtigkeit in De Civitate Dei verknüpft, bis zu Thomas von Aquin wird die politische Gemeinschaft als eine moralische Realität verstanden, die das Recht hat, sich selbst zu regieren. Thomas von Aquin legt in der Summa Theologiae fest, dass ein Krieg nur dann als gerecht gelten kann, wenn legitime Autorität, gerechte Sache und rechte Absicht zusammenkommen. Aus dieser Formulierung ergibt sich ein entscheidendes Prinzip: Der Sturz eines Tyrannen obliegt primär dem eigenen politischen Körper und nicht einer externen Macht.

Das Recht auf Widerstand und sogar das Tyrannenmord, das später von Francisco Suárez entwickelt wurde, werden immer als interne Akte der Nation konzipiert, als extreme Ausdrucksform ihrer Selbstverteidigung, und nicht als eine Funktion, die an ausländische Mächte delegiert werden kann.

Nun ist die Souveränität jedoch nicht nur eine juristische oder formale Kategorie; sie ist auch eine sozio-politische Realität, die auf der effektiven Unterstützung des nationalen Körpers beruht. Im venezolanischen Fall gibt es flagrante Beweise dafür, dass das Regime nur eine geringe soziale Unterstützung hat, rund 20 %, wie sich im letzten Wahlverfahren gezeigt hat, das innerhalb und außerhalb des Landes weitgehend als unglaubwürdig wahrgenommen wurde und durch eine fast groteske Art und Weise in Form und Ergebnissen geprägt war. Aus technischer Sicht kann das Regime de facto als souverän gelten, solange es die Kontrolle über den Staatsapparat ausübt, aber es handelt sich um eine außergewöhnlich schwache Souveränität, die von einer signifikanten und anhaltenden Volksanhänglichkeit abgekoppelt ist und eher durch Trägheit, Angst und institutionelle Entleerung als durch echte Legitimität aufrechterhalten wird.

Dieses Faktum ist entscheidend, weil es einen Bruch zwischen formaler und materieller Souveränität einführt, den die katholische politische Lehre immer berücksichtigt hat, wenn auch nicht immer explizit.

Die Ausnahme: Vorherige Aggression und legitime internationale Selbstverteidigung

Die katholische Tradition absolutisiert jedoch das Prinzip der Nichteinmischung nicht. Autoren wie Francisco de Vitoria räumen ein, dass eine politische Gemeinschaft legitim zur Gewalt greifen kann, wenn eine reale und objektive Aggression vorliegt, auch wenn diese nicht die Form einer klassischen militärischen Invasion annimmt. Die systematische Exportation von Gewalt, Drogen, organisiertem Verbrechen oder bewusster Destabilisierung kann eine Form indirekter Aggression darstellen, die eine defensive Reaktion ermöglicht, solange sie proportional ist und auf die Wiederherstellung der Ordnung ausgerichtet.
Dies war eines der anfänglich von den USA vorgebrachten Argumente: Weniger die tyrannische Natur des venezolanischen Regimes, die weithin bekannt ist, als vielmehr der objektive Schaden, den dieses Regime durch staatliche oder para-staatliche Strukturen Drittländern zufügt. Die Legitimität dieser Prämisse hängt natürlich von der Wahrhaftigkeit des Unrechts und der Proportionalität der Reaktion ab.

Moralische Selektivität und wirtschaftliche Interessen

Diese Analyse darf eine unbequeme Frage nicht ignorieren: die moralische Selektivität. Die Soziallehre der Kirche hat wiederholt vor der Instrumentalisierung ethischer Prinzipien zum Dienst strategischer Interessen gewarnt. Venezuela besitzt enorme Ölvorkommen, während andere ebenso autoritäre Regime nicht dieselbe Aufmerksamkeit oder denselben Grad internationalen Drucks erhalten. Die Frage ist unausweichlich: Handelt es sich um Gerechtigkeit oder um Bequemlichkeit?

Denker wie Jacques Maritain warnten vor der Gefahr, die moralische Sprache zu entleeren, wenn sie zu einer bloßen Deckung geopolitischer Entscheidungen wird. Wenn der wahre Grund für die Intervention nicht die Gerechtigkeit, sondern wirtschaftliches oder strategisches Interesse ist, wird die moralische Legitimität der Handlung ernsthaft untergraben.

Das Prinzip der Selbstregierung und die venezolanische Anomalie

Die katholische Lehre hält fest, dass Völker ihr eigenes Schicksal bestimmen müssen, und dieses Prinzip ist in allgemeinen Begriffen solide. Es setzt jedoch eine konkrete Realität voraus: die Existenz eines politisch lebendigen Volkes. Der venezolanische Fall führt eine tiefe Anomalie ein, denn der entscheidende Fakt ist nicht nur der Fall des Regimes, sondern die totale Abwesenheit von Widerstand.

Die Gefangennahme des Staatsoberhaupts ohne Kämpfe, ohne Verluste und ohne signifikante militärische Reaktion zwingt zu einer radikalen Frage: Kann man voll und ganz von Souveränität sprechen, wenn es keinerlei Bereitschaft gibt, sie zu verteidigen? Die Souveränität ist keine juristische Abstraktion, sondern eine in Personen verkörperte Realität, die bereit sind, sie sogar mit ihrem Leben zu verteidigen.

Das Gewaltmonopol und die Bereitschaft zum Opfer

Im Einklang mit sowohl der klassischen Tradition als auch der modernen Staatstheorie impliziert die Souveränität ein effektives Gewaltmonopol. Dieses Monopol ist jedoch nicht rein technisch; es beruht auf einem konkreten menschlichen Willen zum Opfer. Nationen konstituieren sich historisch, wenn Tausende von Menschen bereit sind, ihr Leben für sie zu geben. Ohne diese Bereitschaft wird der Staat zu einer leeren formalen Struktur.

In Venezuela hat dieses Element sowohl im Umfeld des Regimes als auch in der Opposition gefehlt. Es gab individuelle Akte von Mut, sogar heldenhafte, aber keinen kollektiven nationalen Nerv, der in der Lage wäre, eine echte Verteidigung der politischen Ordnung oder ihrer Transformation zu artikulieren.

Vergleich historisch: Wenn Blut fließt

Der Unterschied zu anderen jüngsten Fällen ist aufschlussreich. In Libyen oder im Irak gab es, jenseits des moralischen Urteils über jene Interventionen, bewaffneten Widerstand, anhaltende Kämpfe und massive menschliche Opfer. Es floss Blut, es gab Tragödie und echten Konflikt. In Venezuela hingegen hat sich die Macht als Kulisse ohne Substanz entpuppt, und die Opposition als eine Kraft, die unfähig ist, ein Projekt nationalen Opfers zu verkörpern.

Diese Abwesenheit von Konflikt ist kein Zeichen des Friedens, sondern ein Symptom politischer Leere.

Leere Nationen und politische Theologie im 21. Jahrhundert

Hier taucht eine neue Variable auf, die die klassische politische Theologie kaum behandelt hat: die Existenz von Nationen, die von historischem Willen entleert sind. Die traditionelle Lehre setzt lebendige politische Gemeinschaften voraus, mit Identität und Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Aber was geschieht, wenn eine Nation Symbole, Hymnen und Grenzen behält, aber die reale Fähigkeit verloren hat, ihre eigene Existenz zu erhalten?

In solchen Fällen werden Nationen unvermeidlich externen Vormundschaften unterworfen, sei es durch kriminelle Tyranneien oder durch ausländische Mächte. Nicht durch gewaltsame Eroberung, sondern durch inneren Verzicht.

Souveränität übergeben?

Es lässt sich sogar eine unbequeme Hypothese aufstellen: Dass die venezolanische Souveränität nicht verletzt, sondern in ihrer terminalen Form ausgeübt wurde, durch Übergabe. Das Nicht-Kämpfen, das Öffnen der Türen, das Nicht-Verteidigen des eigenen Staatsoberhaupts kann als negativer souveräner Akt interpretiert werden, als Souveränität des Verzichts auf das Existieren als politisches Subjekt. Diese Lesart legitimiert die Intervention nicht automatisch, verändert aber in substantieller Weise den Rahmen des moralischen Urteils.

Offener Schluss: Variablen für ein vernünftiges Urteil

Dieser Text bietet keine abgeschlossene Schlussfolgerung. Er legt absichtlich die Variablen dar, die für ein ernstes katholisches Urteil zu berücksichtigen sind: die reale und nicht nur formale Souveränität, das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer vorherigen Aggression, die Proportionalität der Intervention, die moralische Kohärenz der angegebenen Motive und vor allem die anthropologische Realität der betroffenen Nation.

Diese Situation auf pazifistische Parolen oder ideologische Reflexe zu reduzieren, wäre eine Form intellektueller Verantwortungslosigkeit. Die katholische Tradition verlangt Klugheit, Realismus und Liebe zur Wahrheit, auch wenn diese unbequem ist. Nur von dort aus kann man ein gerechtes Urteil anstreben.

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